vom 30.04.2016

Pfarrer Reinhard Arnold

im Braunschweiger Dom

anlässlich der

29. Demofahrt für Partnerschaft im Strassenverkehr.

Idiot. Hirnamputierte. Wumm ist voll in die Eisen gegangen. Gut, dass die alte Gummikuh frisch gewartet in die neue Saison gestartet ist. Bremsbeläge, Bremsflüssigkeit neu. Wenn Wumm sich schon ein altes Schätzchen an Land zieht, dann will er sich auch verlassen können. Erfahrung mit den bajuwarischen Straßenkühen hat er ja genug. Und die Kosten der Frühjahrsinspektion haben sich eben grade rentiert.

Da ist doch diese Wohlstandsmutti mit ihrer mobilen Citygeländelounge aus Zuffenhausen direkt vor ihm in die Einfahrt zum Waldorfkindergarten eingebogen, ohne auf Vorfahrt und Gegenverkehr zu achten – und geblinkt hatte sie auch nicht.

Ein Wunder, das sie die Lücke zwischen den beiden Gartenmauersäulen getroffen hat.

Na ja, wahrscheinlich hatte die Entwicklungsbegleiterin grade per WhatsApp angefragt, wo Anna-Lena denn heute morgen bliebe, ohne sie könnte die Gruppe gar nicht alle Farben des Regenbogens tanzen.

Und dann tut Eile natürlich not.

Und Lesen, Denken, Lenken, Bremsen fordert den Menschen eben ganz, da bleibt kein Finger frei für den Blinker.

Vielleicht war sie ja aber auch nur ein moderner Benzinverbrauchdownsizer, einer, der auf der Jagd nach immer neuen Mindestverbräuchen ohne computergesteuerte Tricks eben sogar auf das Blinken verzichtet, kostet ja schließlich alles Energie, also teure Euronen.

Langsam regt sich Wumm ab. Der Boxer brummt wieder vertraut unter ihm. Hoffentlich merkt Renate nicht, dass er heute Morgen wieder seinen Emo-Blocker nicht eingenommen hat. Mist, er hatte natürlich wieder vergessen, den Tagesportionierer seines Alternativ-frühstücks in der Medikamentenschublade verschwinden zu lassen.

Was solls, das Handy war gut ganz unten im Tankrücksack verpackt, ein Freund von diesen Navis mit Freisprecheinrichtung über die Gegensprechanlage im Helm ist Wumm eh nicht, wenn ich immer und überall erreichbar bin, warum soll ich mich dann noch aufs Motorrad flüchten.

Ne, heute die Tour zu Matze soll Erholung sein, Flucht auf zwei Rädern aus dem übervernetzten Alltag, dass Renate mal wieder keine Lust hatte, ihre neue Frisur zu opfern, hatte ihn da nicht gestört.

Und dann so was. Da wäre die Tour nach ein paar Minuten fast schon zu Ende gewesen.

Inzwischen hat Wumm das freie Land erreicht, das Verkehrsaufkommen lässt nach, die frische, noch etwas kühle Luft tut gut, trocken ist es ja, da muss das Visier bei mäßigem Tempo ja nicht geschlossen sein.

Die Sonnenblende ist eingestellt, für alle Fälle, vielleicht lässt sich das ferne Energiebündel ja doch noch blicken.

So liebt Wumm das Fahren, quasi im Autopilot - ne natürlich Kradpilot - funktionieren Hände, Knie, Gesäß und Hirn bei mäßiger Auslastung und bewegen die Gummikuh zum fernen Ziel, da bleibt noch Zeit zum Meditieren.

So ganz ist der Blutdruck doch noch nicht wieder unten. Wumm überlegt, ob es sich wohl lohnt, mal zu zählen, wie viele chronische Nichtblinker ihm wohl heute Morgen begegnen.

Ja, der Einwand ist berechtigt, ob die Nichtblinker dies chronisch tun oder nur grade abgelenkt sind durch Handy, mitbestimmungssüchtige Beifahrerinnen, Kaffeetrinken, Pampern vom Kleinkind oder Zeitungslesen – das soll ja bei LKW-Fahrern sehr beliebt sein, sieht man von unten ja auch nicht – also, was alles grade wichtiger ist als das Blinken ist ja auch egal – vielleicht ist es ja auch nur eine ganz einmalige Situation.

Blödsinn, Blinken ist Grundsatzsache, das ist Prinzipienfrage, du vergisst ja auch in der Regel nicht das Bremsen am Ende der Garage. Eben.

Eigentlich müssten die Nichtblinker sich doch langsam aber sicher selbst aus dem Verkehr aussortieren, tun sie wahrscheinlich auch, hat wohl nur noch keiner statistisch erfasst, oder? Müsste Wumm mal googeln. Schade nur um die vielen anderen unfreiwillig Beteiligten, die dabei sprichwörtlich auch unter die Räder kommen.
Noch hat Wumm nie auf einem Grabstein gelesen: Mit Blinker wär das nicht passiert.

Oder müsste es da korrekter heißen: Fahrtrichtungsanzeiger? Ist ja auch egal.

Ne, das ist schon schlimm mit den Leuten heute, die wollen nicht mehr zu ihren Entscheidungen stehen, am besten gar keine Entscheidungen fällen, blinken zeigt ja auch, ich entferne mich vom Mainstream, ich gehe eigene Wege und stehe dazu. Ich warne sogar die andern davor, dass ich mich gleich anders verhalte, als er denkt, falls er überhaupt denkt.

Wumms Neffe Lasse hatte seit Neuestem eine Spruch drauf, den er aus dem Religionsunterricht in der Berufsschule mitgebracht hat, echtes Bibelzitat, von Jesus höchstpersönlich: Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein, alles andere ist von Übel.

Und das kommt nun bei so ziemlich jeder einigermaßen passenden Gelegenheit.

Aber eigentlich hat der Junge ja Recht, also genaugenommen hat Jesus damit recht und den Finger auf eine ganz entscheidende Stelle gelegt:
Wenn alle zu dem stehen würden, was sie tun und sagen, dann hätten wir das schon wesentlich einfacher miteinander.

Jetzt ist Wumm schon so in seinem Gedankenkokon verstrickt, dass sich sein Reisetempo auf die von ihm ungeliebte Rentner-mit-Wackeldackel-auf-Hutablage-Geschwindigkeit reduziert hat. Wer weiß, über was solche schleichende Rentner so alles nachdenken?

Da holt ihn ein vertrautes Geräusch in die Realität zurück, ein überdrehter Jogurtbecher zischt als grüner Blitz knapp zwischen einem gemütlich entgegenkommenden Mähdrescher und Wumm vorbei, natürlich ohne zu grüßen, geblinkt hat er übrigens auch nicht, oder die Länge des Überholvorgangs hat für das Ein- und Ausschalten des Fahrtrichtungsanzeigers einfach nicht gereicht. War das etwa echt ne Ninja H2?

Wumms Blick fällt auf seinen erst gestern aufgebrachten Schutzengelaufkleber.

Danke, geht es ihm durch den Kopf, wieder mal gut gegangen, obwohl ich gar nichts dazu getan habe. Hoffentlich kommt der Reiskocher wieder zur Ruhe und auch heile an.

Wumm hat das Tempo wieder leicht erhöht, aber nicht so, dass er seinen Gedankenfaden nicht wieder aufnehmen konnte:
Zu Ja und Nein stehen, anderen mitteilen, was man denkt und will, sich nicht vor Entscheidungen drücken, plötzlich kommt er sich wie zu Sylvester vor, da sammelt er ja auch immer gute Vorsätze.

Aber hier geht es nicht nur um gute Vorsätze. Da fallen Wumm ein paar Sätze aus ner Predigt ein, die er neulich im Gottesdienst gehört hatte:

Jesus hat ja nicht nur diesen klugen Satz gesagt, sondern er hat auch so gehandelt. Er hat sein eigenes Leben geopfert, damit alle verblendeten Menschen einsehen, dass man Gott nicht bestechen muss.

Gott hat uns unser Leben mit all unseren Möglichkeiten gegeben, uns samt Mopped in seine schön Welt gesetzt, und uns seine Ratschläge zu einem Leben gegeben, das unübertrefflich ist.

Wir müssen ihm nicht beweisen, dass wir das verdient haben.

Er hat es uns geschenkt, weil er es gut mit uns meint.

Deshalb können wir seinen Ratschlägen folgen.

Davon haben wir selbst was, genauso wie die Menschen neben uns.

Und wenn es nicht geklappt hat, hilft er uns aufs Neue. Es kommt nicht aufs Ergebnis, sondern auf unseren Willen, unser Bemühen an.

Wenn wir einander unser Versagen so vergeben würden, wie Gott das mit uns tut, dann wäre unsere Welt um viele Probleme ärmer.

Ja, denkt Wumm, und sein Blutdruck ist wieder ganz normal: Da sollte ich einfach erkennbar dazu stehen, ja ist ja und nein ist nein, und meine Mitmenschen sollen genauso wissen, woran sie mit mir sind, wie Gott.

Und das werde ich nicht nur auf das rechtzeitige Setzten der Fahrtrichtungsanzeiger beschränken.

Macht ihr mit?

Amen

© Reinhard Arnold 2016